Marco Cavallo will raus! Das riesengrosse blaue Pferd aus Pappmaschee ist bis heute ein kraftvolles Symbol für einen umfassenden Befreiungs- und Demokratisierungsprozess in der Psychiatrie.
Im Psychiatrischen Krankenhaus San Giovanni von Triest waren rund 1200 Patientinnen und Patienten interniert – von der Aussenwelt komplett abgeschottet. 1971 wurde der Psychiater Franco Basaglia (1924–1980) zum Vorstand des «Irrenhauses» gewählt. Sein Befund war klar: In dieser Institution ging darum, missliebige Menschen wegzusperren und zu kriminalisieren. Medizinische Untersuchungen entpuppten sich als Mittel der Repression, Diagnosen als Urteile, häufig lebenslänglich. Die Patient:innen würden in Unmündigkeit und Ohnmacht geschickt und damit in ein Gefängnis.
Franco Basaglia leitete daraufhin tiefgreifende Reformen ein. Er schaffte eine Vielzahl von Therapien ab, schränkte die medikamentöse Sedierung ein oder hob sie ganz auf. Er ermunterte die Patient:innen, ihre Zimmer zu verlassen und sich ihre früheren Lebensräume zurückzuerobern. Auch bewirkte er eine Demokratisierung der Psychiatrie, Patient:innen konnten an regelmässigen Stationsversammlungen teilnehmen, Eigeninitiative wurde gefördert und Kooperativen und es entstanden betreute Wohngemeinschaften. Parallel dazu lud man die Bevölkerung ein, bei Konzerten, Lesungen oder Theaterabenden das Krankenhaus San Giovanni kennenzulernen.
Im Januar 1973 lud Franco Basaglia eine Gruppe von Künstler:innen ein, um zwei Monate lang mit den Patient:innen in einem Atelier zu arbeiten. Es entstand die Idee, ein riesiges Pferd aus Pappmaschee zu bauen. Vorbild war «Marco Cavallo», der alte Gaul, der, vor einen Karren gespannt, jeweils die Wäsche aus der Anstalt transportierte. Also nach draussen durfte. Als er geschlachtet werden sollte, hatte sich ganz San Giovanni dagegen aufgelehnt, was dem Pferd das Leben rettete. So wurde Marco Cavallo zu einem Symbol des Widerstands.
Während des Entstehungsprozesses des blauen Pferdes aus Pappmaschee strömten immer mehr Patient:innen in die Kreativwerkstatt, um das Pferd zu bauen. Auch Austausch, Tanz und Spiel nahmen hier viel Platz ein. Der riesige Bauch des blauen Pferdes ist übrigens gefüllt mit Briefen, auf denen Wünsche der Beteiligten ausformuliert sind: Reh mit Polenta, Hasensalami, ein Lied, ein Fahrrad, ein Komet …
Am Sonntag, 25. Februar 1973 war es dann soweit: Eine lärmende Schar von Patient:innen, Ärzt:innen und Sympathisant:innen zog das blaue Pappmaschee-Pferd quer durch die Stadt Triest. Mit Trommeln, Gesängen und Transparenten machten sie auf ihre Anliegen aufmerksam: «Freiheit ist die Therapie! Es lebe Marco Cavallo!»
Im gleichen Jahr wurde die psychiatrische Anstalt San Giovanni von Triest geschlossen. Der Prozess der späteren, tiefgreifenden Psychiatriereform stand in den Startlöchern und Triest wurde zum Pilotmodell für ganz Italien.
Marco Cavallo ist bis heute ein kraftvolles Symbol für diesen Befreiungsprozess. In vielen internationalen Reformbewegungen ist er eine Ikone für Freiheit, Inklusion und die Anerkennung der Stimme von Betroffenen.